Prinzessinnengärten als Gemeingut

 

enorm

Das Magazin enorm hat unter dem Titel “Urbania gestalten” ein Sonderheft zum Thema Stadt herausgegeben. Darin auch ein aus einem Interview mit mir – Marco Clausen – hervorgegagener Beitrag über das Engagement für “städtische Allgemeingüter”.

Der Beitrag trägt einige der für das Genre “Porträt” typischen Überhöhungen einer Einzelperson als “Macher”, obwohl diese Charakterisierung ganz offensichtlich im Kontrast steht zur Idee kollektiver getragener Projekte und Orte. Immerhin, der Titel  “Der ewige Gärtner” wird im Text richtig gestellt mit dem Zitat: “Ich kann ja noch nicht mal gärtnern”. Die Positionen zur Frage der Gemeingütern sind im wesentlichen aus der gemeinsamen Arbeit mit Asa Sonjasdotter und vielen anderen in der Nachbarschaftsakademie engagierten Menschen und Gruppen, aus der Zusammenarbeit mit dem Verein Common Grounds, aus der Netzwerkarbeit mit stadttpolitischen Initiativen und der urbanen Gartenbewegung und aus dem vielfältigen Austausch mit Gruppen, Forschenden und AktivistInnen an anderen Orten der Welt entstanden. Hier einige Auszüge aus dem Text:

Zu Laube und Nachbarschaftsakademie

… das hölzerne Ungetüm. Ab Herbst 2015 hatten Studierende, Azubis und Freiwillige in Hunderten Stunden am Rande der Freifläche gesägt, gehämmert und genagelt. Nun soll die mehrgeschossige Konstruktion ein offener Raum für Initiativen werden, die sich hier mit der Frage auseinandersetzen können, wie man Raum als Gemeingut gestalten kann  – die Laube ist ein offener Bau für freies Denken. Hier tag unter anderem die Nachbarschaftsakademie, eine offene Plattform für Workshops, öffentliche Gespräche, Filmabende und Interventionen zum Thema Stadt, Land und Boden. “Als Nachbarn versteht die Nachbarschaftsakademie aber nicht nur die Kreuzberger Anwohner … Lehrende und Lernende können genauso gut aus dem Oderbruck kommen, aus Detroit oder ländlichen Regionen Griechenlands.”

Zum Thema Zwischennutzung und Zukunft der Prinzessinnengärten am Moritzplatz

Die Möhren sind stets mobil und wachsen hier auf Abruf. “So etwas halte ich inzwischen für ein Problem …, nachhaltige Projekte sollten mindestens ein Lebensalter dauern dürfen“. Davon sind die Prinzessinnengärten weit entfernt. die Fläche gehört dem Bezirk, die Verträge wurden immer nur häppchenweise verlängert, nun bis Ende 2018.* Wenn es schlecht läuft, bricht also gerade der vorletzte Sommer des kleinen Paradieses an. Doch der ewige Gärtner hofft auf ein ewiges Nutzungsrecht – so ewig jedenfalls, wie es legal möglich ist: “Sei es für 99 Jahre oder nur für 40 Jahre, nur wenn wir ein Erbbaurecht oder eine ähnliche Lösung hinbekommen, macht die Weiterentwicklung eines Allgemeinguts wirklich sind … In kürzeren, temporären Nutzungen sehe ich keine Zukunft mehr“. Nicht nur am Moritzplatz sei die zeit gekommen für echte politische Auseinandersetzungen: “Konkrete Eigentumsfragen und soziale Gerechtigkeit sind nicht ohne ernsthafte Auseinandersetzungen zu klären.”

Zum Urban Gardening Manifest

… mit dem Urban Gardening Manifest ging Clausen 2014 gemeinsam mit anderen Aktivisten neue Wege, “weg von der ganzen Romantisierung“. In dem Manifest fordern 153 Garten-Initiativen Politik und Stadtplanung auf, Gemeinschaftsgärten rechtlich abzusichern und den Bewohnern Gestaltungsrechte für dauerhafte, nicht-kommerzielle Nutzungen einzuräumen. “Da sehe ich eine echte Möglichkeit für öffentliche Allgemeingüter oder Urban Commons “… Bislang gebe es kaum echte Gemeingüter im urbanen Raum. Am Ende sei es eine Machtfrage …

Zum Thema zivilgesellschaftliches Engagement und Verdrängung

Man soll von uns nicht erwarten, permanent alle zivilgesellschaftlicen Probleme zu lösen“. Das grüne Eiland in der Brandung eines überdrehten immobilienmarkts will er auf jeden Fall halten. “Wir brauchen Gemeinräume für Grünes, Soziales und Kulturelles”, sagt er, “aber wenn solche Projekte nur als Feiegnblatt für versäumtes öffentliches Engagement herhalten müssen, dann sage ich: Macht eure Aufwertungsarbeit doch alleine“.

* Richtigerweise muss man sagen, dass die Fläche ursprünglich vom Liegenschaftsfonds mit jährlichen Verträge an die Nomadisch Grün gGmbH verpachtet. 2012 wollte er sie zum Höchstgebot an einen Investor verkaufen. Dies wurde unter anderem mit Hilfe des Bezirks und der Unterstützung von über 30000 Menschen verhindert. Daraufhin wurden mit dem Bezirk ein 6jährigen Mietvertrag ausgehandelt und vereinbart, ein frühzeitiges und breites Bürgerbeteiligungsverfahren zur Zukunft der Fläche durchzuführen. Im letzten Jahr hat sich die Bezirksverodnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg noch einmal für einen langsfristigen Erhalt der gemeinwohlorientierten Nutzungen am Moritzplatz ausgesprochen und ein viezigjähriges Erbbaurecht vorgeschlagen. Die Entscheidung fällt im Rahmen der gegenwärtigen Liegenschaftspolitik allerdings nicht auf Bezirks-, sondern auf Senatsebene bzw. im Berliner Abgeordnetenhaus. Derzeit trägt sich eine Gruppe aus Mit-Gründer Robert Shaw und MitarbeiterInnen der Nomadisch Grün gGmbH dem Gedanken, den Moritzplatz verlasssen und einen neuen Garten an anderer Stelle zu errichten.

 

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