Nomadisch Grün und die Prinzessinnengärten

Über ein halbes Jahrhundert dämmerte der Moritzplatz im Schatten der Mauer vor sich hin. Bis zu seiner Zerstörung im Krieg stand an diesem stark belebten Platz ein Wertheimkaufhaus, danach war hier lange die Errichtung eines Autobahnkreuzes geplant, temporär siedelte sich ein Flohmarkt an und die letzten Jahre stand die Fläche brach und wurde von der Ruderalvegetation zurückerobert. Der Moritzplatz selbst ist bis heute kaum mehr als ein reiner Transitraum, den man kreuzt, an dem man aber nicht verweilt.

Der Prinzessinnengarten soll diesen vergessenen Ort zwischen Prinzen- und O-Straße wieder zu neuem urbanen Leben erwecken. Zuerst war es nur ein Bild: wir sitzen im Sonnenuntergang mitten auf einem Feld, die Flüsterpappeln rauschen über uns, der Duft reifer Tomaten und frischer Kräuter liegt in der Luft, wir plaudern mit Freunden und Nachbarn und haben eine gute Zeit – und das, ohne das man aufs Land fliehen müsste, mitten in der Stadt.

Schon vor Jahren hat Robert die Idee einer urbanen Landwirtschaft von einer Kubareise mit nach Berlin gebracht. In Städten wie Havanna oder Santiago wird dort schon seit längerer Zeit erfolgreich die so genannte agricultura urbana betrieben. Dabei handelt es sich nicht allein um Gemüseanbau und Selbstversorgung in der Stadt. Die gemeinsame Bewirtschaftung städtischer Freiflächen verwandelt diese Orte zugleich in urbane Lebens- und Arbeitsräume. Hier halten die Nachbarn ihr Schwätzchen, die Erwachsenen geben ihr Wissen an Kinder weiter, man entspannt sich bei einer Tasse Kaffee aus der Thermoskanne.

Schon bald haben wir erfahren, dass man auch in New York und anderen nordamerikanischen Städten urbane Landwirtschaft betreibt. Hier sind seit den 70er Jahren zahlreiche community gardens entstanden und dies aus den unterschiedlichsten Gründen: um sozial schwache Quartiere zu aktivieren, um sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen, um die Umwelt zu schonen, um den CO2-Ausstoss zu reduzieren, um gut zu essen, um zusammen zu arbeiten, um die Stadt zu verschönern, um die heilende Wirkung von Gärten zu nutzen, um Jugendlichen ohne Perspektive eine Aufgabe und Verantwortung zu geben.

Lass uns so etwas auch in Berlin machen!“, mit diesem Vorsatz haben wir uns erst einmal ein halbes Jahr in einem Kreuzberger Büro zurückgezogen. Wir wollten herausfinden, wie man etwas umsetzen könnte, das auf den ersten Blick so abwegig erscheinend wie Landwirtschaft in der Metropole. Wir haben aus der Vogelperspektive leere Fläche auf dem Stadtplan gesucht, wir haben unzählige Telefonate geführt, mit Grundstückseigentümern geredet, haben Helfer und Kooperationspartner gefunden; schließlich sind wir am Moritzplatz fündig geworden, sind durch ein Loch im Zaun geklettert und haben angefangen, mit Freunden, Nachbarn und Interessierten die Brache vom Müll zu befreien und einen urbanen Acker aufzubauen.


Mobile urbane Landwirtschaft: Wir nutzen die Brachfläche am Moritzplatz temporär. Bis mindestens Ende 2010 werden wir auf ihr Bio-Gemüse in Hochbeeten anbauen, d.h. unabhängig vom vorgefundenen Boden. Unsere Gärten sind mobil und können nach Ende der jeweiligen Nutzung an einen anderen Ort umziehen. Alles was wir brauchen sind Licht, Wasser und Öffentlichkeit – das kann ein Hochhausdach, ein Parkdeck oder eine Hauswand ebenso gut sein wie eine weitere Brachfläche.

Nachhaltige Lebensstile: Der Prinzessinnengarten soll ein Ort des Lernens sein, an dem vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene aus dem Quartier sich Wissen und Kompetenz für einen nachhaltigen Lebensstil aneignen können und gemeinsame an einer zukunftsfähige Stadt arbeiten.

Grüner Hedonismus: Unser Garten ist auch ein Ort des Genießens und Erholens. In einem kleinen Gartenrestaurant wird man dabei zusehen können, wie das frisch geerntete Gemüse direkt weiterverarbeitet wird.

Eine andere Stadt pflanzen: Wir haben nicht warten können bis man uns eine bessere Stadt hinstellt. Wir haben schon einmal angefangen und uns selbst ermächtigt, Freiräume zu nutzen und diese Stadt mitzugestalten. Wir hoffen auf die vielfältige Hilfe und Unterstützung von Menschen, die diese Vorstellung und unseren Traum von einem urbanen Garten teilen.

Broschüre: Nomadich Grün – Prinzessinnengarten (2010) als PDF



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