Über Uns


 

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Mehr über die Prinzessinnengarten und Nomadisch Grün findet Ihr hier

 

Auszug aus dem Buch Prinzessinnengarten. Anders gärtnern in der Stadt:

Vom Landleben in der Großstadt – eine Art Idylle

Hält man sich an einem Frühsommertag am Moritzplatz in Berlin Kreuzberg auf, dann kann es einem passieren, dass man Zeuge eines bewegenden Schauspiels wird. Zehntausend und mehr Bienen sammeln sich in einem Schwarm über dem Platz. Der Anblick überrascht, ist der Platz doch eigentlich das, was man als einen Unort bezeichnen könnte.

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Ein Transitraum, beherrscht von einem vielbefahrenen Kreisverkehr. Die Geschichte hat hier, in Sichtweite zum ehemaligen Mauerstreifen, ein heterogenes städtebauliches Ensemble aus Parkplätzen, Brachflächen, einigen übriggebliebenen Gründerzeitbauten, rasch hochgezogenen Wohnblöcken aus der Nachkriegszeit, vier überdimensioniert wirkenden U-Bahnausgängen, einem Imbisscontainer und einem jüngst eröffneten Kreativkaufhaus aus Beton und Glas hingewürfelt. Der Ort wirkt rau und abweisend. Was, fragt man sich, hat die Bienen hierher verschlagen? Die Antwort verbirgt sich hinter einem mit Hopfen bewachsenen und von großen Werbetafeln umsäumten Bauzaun. Hier gedeiht auf einer Bombenbrache ein Garten, zwischen Kreisverkehr, U-Bahnhof und einer 22 Meter hohen Brandmauer. Tritt man durch eine Tür im Zaun ein, wogen die Geräusche der Stadt nur noch gedämpft herüber. Das Tempo verlangsamt sich, Menschen gärtnern in den Beeten, wandeln zwischen den Pflanzungen oder sitzen in der Sonne beim Kaffee. Aus Plastikkörben sprießen alle erdenklichen Kräuter und Gemüse: Mairüben, Möhren, Pastinaken, Grünkohl, Scheerkohl, Radieschen, Knollenfenchel, Basilikum, Estragon, Salbei, Thymian, Liebstöckel, Pimpinelle, Sauerampfer, Mangold, Melde, Ackersenf, Postelein. Dazwischen leuchten die Blüten von Löwenzahn, Kornblume, Kapuzinerkresse, Borretsch und Malve. In Reissäcken wachsen unterschiedlichste Kartoffelsorten mit revolutionären beziehungsweise königlichen Namen wie Rote Emma oder King Edward. An improvisierten Kletterhilfen ranken sich Tomatenpflanzen hoch und versprechen für den Herbst gelbe, rote und schwarze, pflaumen- und herzförmige Früchte.

Aus einem zum Verkaufsstand umgebauten Container werden Jungpflanzen in aufgeschnittenen Tetrapaks verkauft. Eine Tafel weist auf das Gemüse hin, das reif ist zum Selberernten. Eine weitere Tafel lädt zu den Gartenarbeitstagen ein: Hier kann jeder mitgärtnern und an Workshops zur Saatgutgewinnung oder zum Einmachen teilnehmen. In einem Wäldchen aus Scheinakazien verbergen sich, ebenfalls in Containern, eine Gartenbar und eine Gartenküche. An selbstgebauten Tischen aus Getränkekisten sitzen Gruppen von Gästen und essen Gerichte, die aus frisch im Garten geernteten Produkten zubereitet wurden.

 

Der Prinzessinnengarten

Der Prinzessinnengarten ist ein urbaner Nutzgarten. Auf einer seit Jahrzehnten brachliegenden Fläche wird hier mitten in der Stadt Gemüse angebaut. Seine Existenz verdankt der Garten dem Engagement unzähliger Nachbarn, Interessierter und Freunde. Sie haben im Verlauf von drei Sommern mit ihrer Arbeit, ihrer Leidenschaft, ihren vielfältigen Fähigkeiten und ihren Ideen diesem vergessenen Ort eine neue Form von urbanem Grün abgewonnen. Und weil die Menschen und Motive, die diesen Ort möglich machen, so vielfältig sind, kann das, was ich auf den nächsten Seiten darüber schreibe, nicht mehr als eine persönliche Annäherung an diesen Ort sein.

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Prinzessinnengarten 2011

Der Prinzessinnengarten liegt in Kreuzberg 36 zwischen Prinzen-, Oranien- und Prinzessinnenstraße und hat etwa die Größe eines Fußballfeldes. Hier werden ausschließlich Nutzpflanzen angebaut, lokal und ökologisch. Der Garten als Ganzes ist mobil. Bar, Küche, Werkstatt und Lagerräume befinden sich in ausgedienten und umgebauten Überseecontainern, angepflanzt wird in Hochbeeten aus Stapelbehältern und in Reissäcken. Diese vom vorgefundenen Boden unabhängige Anbauweise und die Verwendung von lebensmittelechten Materialien erlauben einen ökologischen Anbau in der Stadt, in der die verfügbaren Flächen zumeist entweder versiegelt oder kontaminiert sind. Darüber hinaus eröffnet ein mobiler Garten die Möglichkeit zu einer temporären Nutzung. Die Fläche am Moritzplatz mietet der Prinzessinnengarten von der Stadt. Sie soll allerdings privatisiert werden und der Nutzungshorizont für den Garten beträgt jeweils nur ein Jahr. Die Miete und alle weiteren Kosten trägt der Garten selbst. Einnahmen werden erzielt durch die Gartengastronomie und den Verkauf des Gemüses, aus Mitteln, die wir für die Durchführung von unterschiedlichen Bildungsprojekten akquirieren, aus dem Aufbau weiterer Gärten, Beratungsleistungen, Honoraren für Bilder, Vorträge und Führungen sowie aus Spenden in Form von Beet- und Gartenpatenschaften. Im Prinzessinnengarten besitzt niemand ein eigenes Beet. Viele Menschen engagieren sich hier freiwillig, um einen solchen Ort überhaupt möglich zu machen. Als Rahmen für die unterschiedlichen sozialen, bildenden und wirtschaftlichen Aktivitäten haben wir ein gemeinnütziges Unternehmen namens Nomadisch Grün gegründet, dessen zentrales Anliegen es ist, den Garten zu einem Ort des Lernens zu machen. Da wir überwiegend Amateure und Quereinsteiger sind, geht es dabei vor allem um Formen informellen Lernens. Kenntnisse werden durch praktische Erfahrungen und den Austausch von Wissen erworben.

Der Prinzessinnengarten ist mehr als bloß eine Anbaufläche für Gemüse in der Stadt; er eröffnet Raum für vielfältigste Aktivitäten. Durch die Möglichkeit zum Mitwirken und durch offene Workshops, durch das Gartencafé und eine Reihe von kulturellen Veranstaltungen ist der Prinzessinnengarten zu einem lebendigen Treffpunkt geworden mit einer Anziehungskraft weit über die Nachbarschaft hinaus. Gleichzeitig ist er ein Beispiel für eine neue Art des Gärtnerns in der Stadt. In jüngster Zeit ist immer öfter von Gärten zu hören, die mit den gängigen Vorstellungen vom Grün in der Stadt, mit Parks, Vor- und Schrebergärten, nur wenig zu tun haben. Begriffe wie urban gardening, urban agriculture, community gardens, city farms oder guerilla gardening finden mit diesen Gärten und ihren Akteuren Eingang in den Sprachgebrauch. Die überwiegende Verwendung englischer Begriffe ist dabei kein Zufall, handelt es sich doch um ein Phänomen, das in unterschiedlichster Ausprägung in vielen Städten der Welt zu beobachten ist. Besonders verbreitet sind die community gardens und Urban-farming-Projekte in Nordamerika. Aussehen und Größe dieser Gärten sowie Motive und Ideen der GärtnerInnen mögen im Einzelnen stark variieren. Was diese Gärten neben dem Fokus auf lokale Nahrungsmittelproduktion aber verbindet, ist, dass sie als Gemeinschaftsprojekte und aus Eigeninitiative heraus aufgebaut werden. Darüber hinaus wird das Gärtnern nicht nur als schöner Zeitvertreib und der Garten als privater Rückzugsort verstanden – Umnutzung städtischer Flächen, Eigenanbau und Nachbarschaftsarbeit werden in der Regel mit weitergehenden gesellschaftlichen Fragen verbunden. In ihrer praktischen Tätigkeit greift diese neue Gartenbewegung Themen wie Biodiversität, gesunde Ernährung, Recycling, Umweltgerechtigkeit, Klimawandel oder Ernährungssouveränität auf. Praktisch demonstrieren urbane Gärten einen ökologisch und sozial anderen Umgang mit städtischen Räumen und ihren Bewohnern, leisten ein empowerment sozial marginalisierter Bevölkerungsgruppen und sind Orte, an denen die Möglichkeiten für lokale Mikroökonomien und andere Wohlstandsmodelle ausprobiert werden. Auf eine unaufdringliche und pragmatische Art wird in solchen Gärten die Frage aufgeworfen, wie wir in Zukunft in den Städten leben wollen.

 

Auszug aus: Marco Clausen, Eine andere Stadt kultivieren, in: Prinzessinnengarten. Anders gärtnern in der Stadt (Dumont 2012)

 

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